Zeit anhalten? – Abstrakte Uhrstudie zwischen Messlinie und Geste

Das Bild zeigt eine radikal reduzierte, zugleich überlagerte Darstellung einer Uhr. Erkennbar sind lediglich die Ziffern „12“ und „6“, die das Format vertikal verankern und eine normative Orientierung anbieten, ohne ein vollständiges Zifferblatt zu liefern. Im Zentrum sitzt ein schwarzer Kreis als Nabe, aus der mehrere Zeiger- oder Speichenformen hervorgehen. Diese Elemente sind teils verwischt, teils hart konturiert. Die Verwischungen wirken wie Bewegungsunschärfen: nicht als naturalistischer Effekt, sondern als Hinweis auf eine zeitliche Ausdehnung der Geste selbst. Um den Kern legt sich ein dichter Kranz aus kreisenden, mehrfach gezogenen Linien, die wie wiederholte Anläufe wirken. Sie sind nicht sauber konzentrisch, sondern leicht versetzt und variieren in Strichstärke, was den Eindruck eines „Korrigierens“ erzeugt: ein Kreis, der immer wieder angesetzt wird, ohne zur endgültigen Form zu gelangen.
Von außen schneiden mehrere lange, dünne Diagonalen in das Zentrum. Diese Geraden sind formal unbeteiligt, fast technisch, und stehen im Kontrast zum gestischen Ring. Sie erinnern an Messlinien, an Achsen, an ein Koordinatensystem, das die Uhr zugleich fixieren und zerlegen will. Dazu kommen vereinzelte dunkle Flecken am Rand, wie abgewischte Markierungen oder Restspuren. Insgesamt entsteht ein Bild, das zwischen Diagramm und Kritzelei oszilliert: Es behauptet Ordnung (Uhr, Achse, Ziffern), unterläuft sie aber durch Überzeichnung und Störung.
Interpretation zu „Haltet die Zeit an!“
Interpretatorisch lässt sich das als Idee „Zeit anzuhalten“ lesen. Das Anhalten erscheint hier nicht als heroischer Eingriff, sondern als praktische Unmöglichkeit, die sich in Arbeits- und Korrekturspuren niederschlägt. Der zentrale Ring wirkt wie ein Versuch, die Bewegung zu binden: wiederholtes Umkreisen statt Stabilisierung. Die Diagonalen könnten als externe Eingriffe verstanden werden: Messung, Kontrolle, Rationalisierung, die jedoch den gestischen Kern nicht beruhigen, sondern eher verstärken. Je mehr Linien, desto weniger Eindeutigkeit. Die reduzierte Typografie (nur 12 und 6) betont schließlich, dass Orientierung immer nur partiell ist. Das Bild zeigt keine gestoppte Zeit, sondern die visuelle Logik eines Stopps: das Verdichten von Spuren, das Festhalten durch Wiederholung, das Ersetzen einer klaren Anzeige durch ein Protokoll von Versuchen.
SH, Karlsruhe 07.01.2026





Schreibe einen Kommentar