Weihnachten

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Eine entmythologisierte Krippe zu Weihnachten: Kunstkritik zur politischen Instrumentalisierung von Religion

Weihnachten

Die Fotografie zeigt eine Krippenszene, die sich bewusst jeder traditionellen religiösen Ikonografie entzieht und gerade dadurch eine bemerkenswerte kritische Schärfe entwickelt. In einer nüchternen, urbanen Randzone – erkennbar an provisorischen Bauten, Stromleitungen und der kargen Umgebung – sitzen Maria, Josef und das Kind nicht als entrückte Heilsfiguren, sondern als verletzliche Menschen im Hier und Jetzt. Das gedämpfte Abendlicht und die geringe Tiefenschärfe verleihen der Szene eine dokumentarische Intimität, die weniger an religiöse Malerei als an sozialkritische Reportage erinnert.

Interpretation zu „Weihnachten“

Die bewusste multikulturelle Besetzung ist dabei kein dekoratives Statement, sondern der zentrale interpretatorische Schlüssel. Maria als schwarze Frau, Josef als arabisch gelesener Mann und Jesus als asiatisches Kind widersprechen der jahrhundertelangen, eurozentrischen Vereinnahmung des Christentums. Diese Darstellung entzieht Staat und Kirche das vertraute Bildmaterial, mit dem religiöse Narrative historisch legitimiert, homogenisiert und politisch funktionalisiert wurden. Der Messias erscheint hier nicht als kulturell eindeutig verortbare Figur, sondern als radikal Fremder – und damit als Zumutung für jede Ideologie, die Glauben zur Identitätsstiftung oder Machtabsicherung missbraucht.

Auffällig ist auch das vollständige Fehlen sakraler Attribute. Keine Heiligenscheine, kein Gold, keine Engel. Selbst der Abendstern ist kein übernatürliches Zeichen, sondern ein beiläufiger Komet, physikalisch erklärbar, visuell unspektakulär. Diese Entmythologisierung verweigert der Kirche jene ästhetische Überhöhung, mit der sie seit Jahrhunderten moralische Autorität beansprucht. Gleichzeitig unterläuft sie staatliche Narrative, die religiöse Symbole zur kulturellen Abgrenzung oder zur Stabilisierung politischer Ordnung instrumentalisieren.

Das Kind liegt in einer schlichten Holzkiste, die ebenso gut eine improvisierte Wiege in einem Flüchtlingslager sein könnte. Damit verschiebt das Bild die Frage nach Erlösung in die Gegenwart sozialer Realität. Die Geburt Christi wird nicht als metaphysisches Ereignis verstanden, sondern als Hinweis auf strukturelle Ungerechtigkeit, Migration und Prekarität – Themen, die von staatlichen und kirchlichen Institutionen häufig rhetorisch beschworen, aber praktisch verwaltet oder verdrängt werden.

Fazit

In dieser Lesart wird die Krippe zu Weihnachten zu einem Spiegel: Sie zeigt, wie weit sich institutionalisierter Glaube von seinem eigenen Ursprung entfernt hat. Die Fotografie kritisiert nicht den Glauben selbst, sondern dessen Vereinnahmung. Sie erinnert daran, dass das Christentum ursprünglich eine radikale Option für die Marginalisierten war – und stellt die unbequeme Frage, wer heute von religiösen Bildern profitiert und wer aus ihnen systematisch ausgeschlossen wird.

SH, Karlsruhe 23.12.2025

KI Kunst
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